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Lehrpraxis

Zeitbasierte Künste als Modell für transdisziplinäres Lernen

Maurice de Martins Lehrpraxis entwickelt sich aus einem breiten Spektrum zeitbasierter künstlerischer Praktiken – insbesondere aus Musik, Performance und kollektiven Arbeitsformen der Prozesskunst.

Ausgangspunkt ist die Frage, wie die dort entwickelten Formen des Umgangs mit Zeit, Aufmerksamkeit, Rhythmus, Vielschichtigkeit und Präsenz nicht nur innerhalb der zeitbasierten Künste wirksam sind, sondern sich transdisziplinär auf andere Disziplinen ebenso wie auf Bereiche außerhalb der Kunst übertragen lassen. Seine Lehrformate verstehen Zeit daher nicht als organisatorischen Rahmen, sondern als gestaltbares Medium von Erkenntnis, Erfahrung und Handlung.

Über viele Jahre entwickelte de Martin hierfür ein Spektrum erfolgreicher inter- und transdisziplinäre Lehrformate, unter anderem an der Hochschule der Künste Bern sowie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg „Theodor Fontane“. Studierende aus Medizin, Psychologie, Therapie wie auch praktisch allen künstlerischen Disziplinen arbeiten hier an Fragen kollektiver Aufmerksamkeit, Autorschaft und Prozessgestaltung. Lernen wird dabei als erfahrungsbasierter, interaktiver Vorgang verstanden, in dem gemeinsame, wie auch individuelle  Praxis und Reflexion ineinandergreifen.

Aus der Verdichtung dieser Erfahrungen entstand CHRONARTA. Die Initiative bündelt künstlerische Praxis, Forschung und Lehre zu einer offenen Praxis der Arbeit mit Zeit. Ihre Expertise liegt in der präzisen Setzung und Gestaltung von Zeiträumen, in denen neue Formen von Wahrnehmung, Zusammenarbeit und Handlung entstehen können.

Methodik

Methodisch beginnen die Arbeitsprozesse eines Unterrichtsprojekts von MdM meist mit einer offenen Situation am "runden Tisch" und einer klaren, zumeist jedoch ungewöhnlichen, bisweilen auch leicht irritierenden Setzung durch den Dozenten. In Anlehnung an Vilém Flussers „Kommunikologie“ und seinen Roundtable-Diskurs wird zunächst alles auf den Tisch gelegt: Fragen, Interessen, Materialien und Perspektiven der Beteiligten – ohne vorgegebene Hierarchie.

Im experimentellen Gespräch werden diese Elemente immer wieder neu miteinander verbunden, bis sich das nächste Stadium einer "Diskursintensivierung" ergibt. Dieses entspricht dem, was Peter Brook in der Theaterprobe als "formless hunch" beschreibt: eine Vorahnung, die sich im gemeinsamen Arbeiten zunehmend verdichtet und dadurch die Spannung des Prozesses aufrechterhält. Schritt für Schritt konkretisieren sich Fragestellungen und Herangehensweisen als kollektive Leistung der Gruppe.

Die Rolle der Leitung orientiert sich dabei an den Prinzipien, die Jacques Rancière in seinem Buch "Der unwissende Lehrmeister – Fünf Lektionen in intellektueller Emanzipation" anhand der Lehrpraxis des französischen Pädagogen Joseph Jacotot beschreibt.

Ausgangspunkt ist die Annahme der Gleichwertigkeit der per se immer unterschiedlichen Intelligenzen: Lernen entsteht nicht primär durch auktoriale Erklärung aus der Distanz, sondern durch Aufmerksamkeit, Übersetzung, Wiederholung und eigene Setzungen der Lernenden. Der „unwissende Lehrmeister“ erklärt nicht, sondern strukturiert den Prozess, intensiviert oder verlangsamt ihn bei Bedarf, stellt Aufgaben, setzt neue Impulse und hält die Aufmerksamkeit wach – im Vertrauen darauf, dass die Beteiligten Zusammenhänge selbst erschließen können. In diesem Sinne versteht sich auch die Moderation dieser Arbeitsprozesse: nicht als Wissensvermittlung, sondern als präzise Setzung eines gemeinsamen Erfahrungs- und Erkenntnisraums.

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